Besuch beim Wohnprojekt "Amaryllis" in Bonn-Beuel

14.9.2008

Webseite: http://www.amaryllis-bonn.de/

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Besuch bei Amaryllis eG in Bonn am 14.09.2008

1. Präsentation des Wohnprojektes durch eine Bewohnerin:

Grundstücksgröße: 3500 m², Rahmen durch LEG vorgegeben

Wohnprojekt: 30 Wohnungen auf drei Gebäude verteilt (24 Wohnungen sind frei finanziert, 6                              Sozialwohnungen), darunter Einzelwohnungen und Reihenhäuser, die durch                                  Laubengänge verbunden sind; barrierefreie Bauweise; individuelle Planungen;

Gemeinschaftsbereich: 170 m² mit Versammlungsraum, zwei Büroräume, Küche, Abstellraum,                             Gästeappartement, Gemeinschaftszimmer im Seniorenbereich

Zahl der Bewohner: 46 Erwachsene, 20 Kinder (1/3 älter als 60 Jahre, 1/3 zwischen 40 und 60                                     Jahren)

Philosophie der Anlage: selbstbestimmtes Leben, Solidargemeinschaft

l        Zusammenleben mit allen Generationen miteinander- füreinander

l        einander behilflich sein im Alltag, Krankheit und Pflegebedürftigkeit (keiner „pflegt“, aber Pflegebedarf ist hinausgezögert; Nachbarn passen aufeinander auf)

l        ökologische, nachhaltige Bauweise und Lebensform (Niedrigenergie: KW-40-Haus, Pelletheizung)

l        Bereitschaft, sich zu engagieren und Konflikte gemeinsam zu lösen

zeitliche Entwicklung:

l        1992 gründen drei Ehepaare einen Verein- Austausch von ersten Ideen eines Wohnprojektes; auf und ab in den Treffen, viele Ideen wurden besprochen, aber nichts wurde konkretisiert; keiner dieser Ehepaare ist noch dabei.

l        1995 Gruppe von Entwicklungshelfern kommt dazu und bringt neue Ideen

l        2005: Stadt Bonn plant neuen Wohn- und Wirtschaftspark und bietet dem Verein ein Grundstück an. Planungsoption nötig

l        Einschaltung von externen Beratern: Rechtsform, Finanzierungsmöglichkeiten, Fördermittel, bauliche und planerische Möglichkeiten

l        Gruppe möchte nicht an Investoren gebunden sein, deshalb Genossenschaftsgründung zur Realisierung des Wohnprojektes: gemeinsame Konfliktlösung, Konsens gesucht; Verein besteht weiter; einige Mitglieder spalten sich bei der Frage Miete, Teileigentum oder Eigentum ab. Genossenschaft ist Eigentümer der Wohnanlage.

l        Um Grundstücksfläche besser zu nutzen, wird „car-sharing“ beschlossen (½ Stellplatz pro WE von der Stadt Bonn genehmigt)

Finanzierung: für die Sozialwohnungen: Wohnbauförderung Düsseldorf

                        für alle: einmaliger eG-Pflichtanteil als rückzahlbare Einlage entsprechend der                               Wohnungsgröße (500 €/m² -laut Internetseite 400 €). Da nicht alle diese Gelder                         bezahlen können, wird ein Sozialfond errichtet, der fehlende Beträge übernimmt.

=> ein Fünftel der Erstellungskosten gedeckt

Einnahmen: Die Genossenschaft vermietet die WE an die Mitglieder. ( bei frei finanzierten WE: 8,20€/m² Kaltmiete + 1,50€/m² als NK-Anteil + 0,50€/m² für die Unterhaltung der Gemeinschaftsräume, Sozialwohnungen: 4,80€/m² Kaltmiete + 1,50€/m² als NK-Anteil + 0,50€/m² für die Unterhaltung der Gemeinschaftsräume

Gesamtkosten: 5,3 Mio €

=> Einlagen 1,4 Mio € (900.000 € Pflichteinlage + 500.000 € freiwillige Einlagen des Sozialfonds (Vergütung dieser Gelder noch nicht entschieden, Mietreduzierung als Möglichkeit?))

=> Kreditaufnahme: 3,9 Mio € über BLS- Bank Leihen Schenken Bochum

=> Eigenleistung 15 %

Genossenschaft:

1.      Innenverhältnis:

l       Gleichbehandlung aller Bewohner/innen

l       leichter Ein- und Ausstieg in die Anlage (Bei Auszug geht die WE an die Genossenschaft zurück, die selbst Nachmieter aussucht)

l       anteilige einmalige Pflichteinlage von 500 €/m²(laut Internetseite 400 €) wird bei Auszug ausgezahlt

l       regelmäßige Treffen aller Mitglieder (zunächst jeden Montag, heute alle 3 Wochen) => jeder Bewohner ist Mitglied und zahlt Mitgliedsbeitrag: 60€ für Einzelpersonen, 90€ für Familien oder Ehepaare

l       Arbeitsgruppen für laufende Arbeiten bestimmt,

       Gruppe „Außenanlage“: Wege, Garten, Pflege der Anlagen

       Gruppe „Gemeinschaft“: 1 mal pro Woche Mittagstisch für 15-20 Personen, Bewirtschaftung der Gemeinschaftsräume, gemeinsame Aktivitäten

       Gruppe „Verwaltung“: Buchhaltung, Betriebskostenabrechnung, Controlling

       Gruppe „Haus & Technik“: Instandhaltung

       Gruppe Öffentlichkeitsarbeit“: Presse, Medien, Referatstätigkeit, Info-Cafe

       Gruppe „Mobiles“: car-sharing, 80 Fahrräder, Spielplatz

2.      Außenverhältnis:

l       187 Bürgschaften erhöhen die Sicherheiten gegenüber den Finanzgebern (Verwandte geben Beträge zwischen 500 € und 3000 € als Direktkredit an die Genossenschaft => 300.000€)

l       Solidarspenden zur Finanzierung von Einlagen in Notfällen => Solidarfond von Freunden

l       Interessierte Neumieter müssen an den regelmäßigen Treffen teilnehmen

l       Bewerber für WE werden von speziel dafür geformter Gruppe befragt und angeschaut

l       UN-Form: eG als juristische Person mit persönlicher Haftung in Höhe der Einlagen, Mehrheitsprinzip bei Entscheidungen; Vorstand regelt die Geschäfte, ein Aufsichtsrat kontrolliert; regelmäßige eG- Versammlungen werden einberufen; externer Prüfverband prüft alle Vorgänge auf Ordnungsmäßigkeit; z.Zt. regelt eG alles selbst z.B. Buchhaltung u.a.

 

Fragen, die Brigitte vorab geschickt hatte:
- Wie wurde am Anfang mit der nach und nach wachsenden Mitgliederzahl umgegangen (Informationskontinuität)?
Es fanden regelmäßige Treffen der Mitglieder statt, bei denen Interessierte willkommen waren. Als das Projekt konkret wurde, kamen mehr Interessierte.

Mietinteressenten müssen an den regelmäßigen Treffen teilnehmen, lernen die Gruppe und ihre Denkweisen kennen und werden selbst von der Gruppe kennen gelernt. Es ist ein gegenseitiger Prozess des Herausfindens, ob man zueinander passt. Die Entscheidungsprozesse sind individuell verschieden und stehen in engem Zusammenhang mit den persönlichen Biographien.


- Wie wurden neue Mitglieder gewonnen ?
Gruppe inseriert in der Zeitschrift „Schrot und Korn“und lädt zu Interessententreffen ein. Infos werden hauptsächlich in Bioläden ausgelegt, da dort junge Mütter einkaufen, die man erreichen will. (Zielgruppe des Projektes muss klar sein)


- Wie gestaltete sich der Sprung von lockerer Planungsgruppe zu ersten Verbindlichkeiten
Ende 2004 bestand die Gruppe aus 10 Leuten, die feste Absichten signalisierten.

Im Vorfeld wurden 5-6 Workshops zu verschiedensten Themen veranstaltet, bei denen man sich selbst verpflegte und sich näher kennen lernte.

Reden allein hilft nicht immer, das Projekt muss konkret werden.

- Wie teuer war die Finanzierungsberatung und wann wurde sie im Projektverlauf begonnen ?
Als die Stadt Bonn der Gruppe das Grundstück anbot, wurde die Wohnbundberatung Bochum um finanzielle Beratung gebeten. Die Kosten für Amaryllis eG betrugen abzüglich beantragter Fördergelder 17.000 €.

- Wurde die Finanzierung der Gemeinschaftsräume von der Wohnungs-Finanzierung abgetrennt, welche Regelung gibt es jetzt ?
Gemeinschaftsräume wurden teilweise als Sozialwohnung ausgewiesen und mit Fördergeldern des sozialen Wohnungsbaues gefördert (ist in NRW möglich)

- Wie sehen die Grundzüge des Gesellschaftsvertrages ( Genossenschaft-) aus? Ist die Satzung öffentlich einsehbar ?

Es gibt verformulierte Genossenschaftsverträge. Die Gruppe kann diese ergänzen. (Sonderwünsche, spezielle Standards, finanzielle Eigenleistung etc.)

Es besteht auch eine Möglichkeit, sich als Untergenossenschaft unter einer Dachgenossenschaft zu gruppieren.

Vorteil: Teilung der Prüfkosten, die alle 2 Jahre anfallen. (Ein Prüftag kostet 420 €. Am Anfang sind 8-10 Prüftage nötig, später viel weniger, da man bekannt ist.)

Nachteil: Dachgenossenschaft trägt die Verantwortung für alle Untergenossenschaften und will deshalb in allen Entscheidungen mitreden.

 

Weitere Fragen aus der Fragerunde:

- Welche Projekte dienten der Gruppe als Ideengeber?

Die Gruppe schaute sich im Vorfeld verschiedene Wohnprojekte wie z.B. in Darmstatt und Kassel an und traf sich mit einer jungen Genossenschaft in Dessau.

Wohnprojekte in näherer Umgebung wie das Karmel-Kloster in Bonn (nur Eigentum) oder die „Wahlverwandtschaften“ (Investorenmodell- Miete und Eigentum) waren wegen der Art der Finanzierung nicht ideenweisend, da die Gruppe ihre Philosophie des Wohnprojektes selbst bestimmen wollte.

 

Wie wird mit Krankheit und Hilfsbedürftigkeit umgegangen?

Auf Barrierefreiheit der Anlage wurde sehr geachtet.

Zunächst ist jeder für sich selbst verantwortlich, d.h. Bei dauerhafter Erkrankung wird die Inanspruchnahme eines ambulanten Pflegedienstes notwendig sein. Daneben achten die Nachbarn aufeinander und helfen sich gegenseitig.

 

Menschliche Herausforderungen, denen Bewohner sich stellen mussten:

l        Isolation = Depression

l        Leben in Gemeinschaft = Abgeben von Altem; schauen, wo Macken bei sich selbst zu finden sind, und daran arbeiten; Träume und Wünsche hinterfragen; seine Meinung frei äußern und miteinander Lösungen suchen.

l        Gemeinschaft = Üben in Toleranz.

l        Andere helfen lassen (besonders Ältere), auch wenn Jüngere die Arbeiten besser und schneller erledigen könnten.

l        Kommunikation!

Wichtige Tipps der Gruppe:

l        Alles dokumentieren!

l        Moderation von außen bei Treffen

l        Bereitschaft, von außen professionelle Hilfe und Beratung zu holen. (Anbieter suchen, die Module der Projektentwicklung anbieten, die einzeln eingekauft werden können.)

l        Reden über Zusammenleben allein hilft nicht weiter. Das Projekt muss konkret werden.

l        Wenn Gelder gegeben werden, bleibt Zusammenhalt fester.

l        Bei öffentlichen Stellen vorstellig werden z.B. Stadtplanungsamt, OB u.a.

l        Zuschüsse können beantragt werden: Gelder für Beratungen, Stiftungen wie die Kraus-Stiftung fragen oder Finanzministerium der Landesregierung kontaktieren.